Die Lösung ist das Problem

Gerade in stürmischen Zeiten versuchen die Manager und Mitarbeiter stark zu sein, sich gleichzeitig abzugrenzen, um irgendwie durchzukommen. Und verlieren dabei zunehmend Kontakt zu sich und der Außenwelt. Dabei wäre das Gegenteil die Lösung.

Wir arbeiten immer weniger, zunächst durch die Industrialisierung, nun durch die Digitalisierung wurden uns mehr anstrengende bzw. redundante und damit nervtötende Aufgaben abgenommen. Während ein Werktätiger 1960 noch im Durchschnitt 2163 Stunden gearbeitet hat, waren es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2018 schließlich 1362 Stunden, also nur noch rund 63%. Erst Ende der 50er Jahre wurde der Schul-Unterricht von sechs auf fünf Tage reduziert. Auch im Haushalt werden wir immer mehr entlastet. Lieferdienste bringen Lebensmittel, fertiges Essen oder sonstige Einkäufe direkt ins Haus.

 

WIR HABEN ZWAR VIEL MEHR ZEIT FÜR DAS WESENTLICHE, DOCH OFFENBAR GIBT ES IMMER MEHR DAVON

Die Komplexität in unserer Welt und die zunehmende Geschwindigkeit, mit der sich einerseits Veränderungen entfalten und in der wir immer schneller arbeiten, leben und sogar lieben, können wir uns kaum noch entziehen. Menschen fühlen sich immer mehr unter Druck durch die Dynamisierung der Welt, wir müssen immer schneller rennen, um Schritt zu halten. Wer glaubt, sich dem entziehen zu können, fällt aus der Gesellschaft heraus oder muss sich an einsame Strände auf entfernten Kontinenten zurückziehen und auch davon gibt es immer weniger.

 

WARUM WIR UNS DER ZUNEHMENDEN DYNAMISIERUNG FREIWILLIG HINGEBEN

Wir sind weniger durch Gier, sondern durch die schlichte Angst getrieben, nicht mehr dazu zu gehören. Wir brauchen zwar immer mehr Energie für die zunehmende Dynamisierung, andererseits mögen wir sie auch, denn sie ist mit Freiheit verbunden. Längst müssen die Menschen nicht mehr zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein, um zu arbeiten, Freunde zu finden oder zu treffen, Filme zu sehen oder Einkäufe zu tätigen. Kaum einer entscheidet sich für das Leben "eine Nummer kleiner", um weniger Druck zu haben. Wir nehmen die Jagd nach Geld auf, um uns und unser Familie "ein besseres Leben" zu ermöglichen. Ein schönes Zuhause, am besten ein Eigenheim mit Garten, Reisen in exotische oder zumindest sonnige Gefilde, TV, Spielekonsolen, Smartphones und Tablets, Markenbekleidung, Restaurant- und Kinobesuche, Sport, Konzertbesuche... Die Liste von Dingen, ohne die wir nicht zu leben glauben, wird immer länger.

Außerdem sinken die Produktionskosten, die Dinge werden immer erschwinglicher. Wir haben also immer mehr Zeit und Geld. Die Schweizer Bank UBS vergleicht seit 1971 die Preise und Löhne in 77 Städten weltweit: Während man in Deutschland für einen Schwarzweiß-Röhrenfernseher 1960 durchschnittlich 42 Tage arbeiten musste, ist ein 37-Zoll-Full-HD-LCD im Jahr 2013 in nicht einmal vier Tagen verdient. Für 1 kg Rindfleisch mussten 1960  2 Stunden, heute nur noch 30 Minuten gearbeitet werden. Somit werden auch sogenannte Luxusprodukte zunehmend für Jedermann erschwinglich. Selbst auf Schulhöfen sind Smartphones im Wert von € 1.400,- keine Ausnahme mehr, sondern eher die Regel. Die Dinge werden nicht nur immer erschwinglicher, sie werden auch immer besser. Und doch ist der Preis offenbar hoch: Die Menschen fühlen sich zunehmend erschöpft und ausgebrannt. Seit 2005 steigt die Menge der Krankheitstage deutlich, ursächlich führend sind psychische Erkrankungen. Warum sind die Menschen nicht glücklich und erfreut mit dem deutlichen Mehr an Zeit und Gütern?

 

NICHT ALLES LÄSST SICH DYNAMISIEREN

Der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Harmut Rosa beschreibt dieses Phänomen als "Synchronisierungsfehler". Er zeigt auf, dass es Ressourcen gibt, die sich nicht beschleunigen lassen: Die Natur. Daher werden Bäume gefällt und Fische gefangen, bevor die Bestände nachwachsen können. Zur Natur gehören auch wir Menschen: Prominente Gebärende beschämen Millionen anderer Mütter, indem sie zwei Wochen nach der Geburt wieder ihre Instagram-präsentablen Traummaße haben oder Sportler fallen mit Mitte 20 tot um, weil sie sich keine Rekonvaleszenz gegönnt haben. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beschäftigte die Weltöffentlichkeit, weil sie im Sommer 2019 bei mehreren öffentlichen Auftritten starke Zitteranfälle hatte und stieg gleich danach scheinbar ungerührt ins Flugzeug, um nach China zu reisen. Die deutsche Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig legt nach einer akuten Brustkrebserkrankung lediglich den Parteivorsitz nieder, will alle anderen Ämter jedoch mit sehr geringen Einschränkungen weiterführen. Der ehemalige CEO der BMW Group Harald Krüger erleidet auf der IAA 2015 in Frankfurt auf der Bühne einen Schwächeanfall. 2015 hatte eine Befragung der Max Grundig Klinik unter 1000 Führungskräften für Schlagzeilen gesorgt. Dabei war herausgekommen, dass zwar 70 Prozent der Führungskräfte ihren eigenen Gesundheitszustand als „sehr gut“ oder „gut“ bewerteten. Zugleich hatten aber 61 Prozent angegeben, stark unter Druck zu stehen und weder ausreichend noch gut schlafen zu können. Welche Auswüchse dieser Druck haben kann, war in den letzten Jahren besonders In der Schweiz zu beobachten: Der frühere Chef des Schweizer Versicherungskonzerns Zurich Martin Senn im Jahr 2016 wie auch drei Jahre zuvor sein Kollege, Pierre Wauthier haben sich das Leben genommen. Ebenfalls 2016 sah sich der Swisscom-Chef Carsten Schloter offenbar dem Druck nicht mehr gewachsen und schied freiwillig aus dem Leben.

 

DIE WELT LÄSST SICH NICHT ANHALTEN

Dass sich die zunehmende Dynamisierung nicht aufhalten lässt ist sicher jedem klar. Aber so kann es ja auch nicht weitergehen. Viele Menschen beklagen die zunehmende Bedeutungslosigkeit in unserem Alltag. Wir haben zwar in den sozialen Medien immer mehr Freunde, fühlen uns jedoch immer isolierter. Prof. Maike Luhmann forscht in Bochum über Einsamkeit und hat 2016 mit ihrer Kollegin Louise Hawkley eine Studie veröffentlicht. Offenbar sind zunehmend auch die Generationen Y und Z davon betroffen. In Großbritannien wurde Anfang 2018 ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen, weil laut der damaligen Premierministerin Theresa May "Einsamkeit traurige Realität des modernen Lebens sei und Millionen Menschen betreffe." Konsum, Kopfhörer in der Öffentlichkeit, Streaming-Dienste sorgen dafür, dass Menschen die Einsamkeit weniger spüren. Aber eben nur für den Moment.

Je digitaler wir werden, desto wichtiger wird das Analoge. Denn Menschen sind analog. Auch wenn heute mit der digitalen Konferenztechnik eigentlich niemand mehr ins Flugzeug steigen müsste, um einen Kunden zu treffen, wird es trotzdem getan. Weil es eben doch etwas anderes ist, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen als sich auf Bildschirmen zu sehen. Und doch schreiben die Menschen lieber schnell eine Mail als mal eben ein paar Meter an den Arbeitsplatz des Kollegen zu gehen. Auch im Privatleben wird nur noch per Messenger kommuniziert, kaum noch jemand telefoniert. Gerade in diesen stürmischen Zeiten ist es für Führungskräfte unerlässlich, persönliche Gespräche mit jedem Teammitglied zu führen. New Work und Employer Branding sind die großen Themen in den Unternehmen. Doch mit Homeoffice, variablen Arbeitsplätzen, virtuellen Teams wird die gefühlte Einsamkeit nur noch größer. Auch über Purpose und Visionen wird viel gesprochen, doch mit coolen Lounge Bereichen, Powerpoint-Präsentation und Events kann ich keine Menschen entfachen, keine tragbaren Teams formen, keine Vision zum Leben erwecken. Dazu braucht es persönlichen Kontakt.

 

RESONANZ HEISST, SICH BERÜHREN ZU LASSEN

Hartmut Rosa spricht von Resonanz, um dem Synchronisierungsfehler zwischen der zunehmenden Dynamik und den analogen Menschen auszugleichen. Es gehe nicht darum, die Geschwindigkeit zu reduzieren, sondern in Resonanz gehen. Einander nicht nur zu sehen und zu hören, sondern wirklich zuzuhören, nachfragen, verstehen zu wollen, sich vom anderen berühren zu lassen. Auch die Natur, Musik, Kunst, ein Sonnenaufgang, Schwimmen im Meer kann uns berührende Momente bescheren, wenn wir noch fühlen können. Doch vielfach sind wir schon taub geworden. Um die vielen belastenden Gefühle, Schmerz und Ängste zu betäuben, haben wir Menschen uns zunehmend den modernen und altbekannten Drogen hingegeben: Youtube, Instagram, Binge-watching, Alkohol, Zigaretten, Tabletten und auch Arbeit. Die Liste ist lang. Doch Gefühle lassen sich nicht selektiv betäuben, auch Freude, Glück können dann nicht mehr empfunden werden. Das Massenphänomen Burnout wie auch Depressionen zeichnen sich durch den Verlust von Empfindungen aus, der Unfähigkeit Resonanz zu spüren. Die Betroffenen werden von einer Taubheit und Leere erfasst. Noch immer wird für die ständig steigenden Zahlen von Burnout aber zum Teil auch Depressionen der zunehmende Druck im Beruf verantwortlich gemacht. Vielleicht ist es nicht der Druck, sondern unser Umgang damit?

Obwohl heute mehr denn je Kreativität und Innovation gefordert sind, versuchen wir in alter Management-Manier die Dinge zu kontrollieren und effizient und schnell zu handhaben. Wer laut Hartmut Rosa in Resonanz gehe, lässt sich viel stärker von Begegnungen, von Orten, von Musik, von der Natur inspirieren – die Grundlage eines jeden schöpferischen, kreativen Prozesses und letztlich auch eines gelingenden Lebens. "Resonanz geht also über die Ideen der Achtsamkeit und der Entschleunigung hinaus, es geht um mehr als bloß die Devise "Wenn du nur richtig gestimmt bist, ist die Welt in Ordnung" Aus dieser Perspektive spielen die Verhältnisse und deren Gestaltung keine übergeordnete Rolle, es werden lediglich "Ereignisoasen" im immer gleichen Rahmen geschaffen. Das Leben kann aber nur dann gelingen, wenn wir unsere Umwelt wahrnehmen, wenn wir bereit sind Resonanzbeziehungen einzugehen und damit auf einen Teil unserer Autonomie (die wir uns mit der Jagd nach Erfolg und Geld schaffen wollen) zu verzichten."

 

WAS UNS VON RESONANZ UND VERBINDUNG ABHÄLT IST SCHAM

Doch was hält uns ab davon, einander wirklich zu begegnen, uns als Menschen zu berühren und berühren zu lassen? Besonders im Business? Warum haben die Konzernlenker in der Schweiz ihre Familien und ihr Leben zurück gelassen statt sich Hilfe zu holen? Warum ziehen Angela Merkel und Manuela Schwesig scheinbar ungerührt ihr Programm durch, wo der Körper doch so offensichtlich Alarm schlägt? Warum können viele Manager nicht mehr oder nur noch mit Hilfe von Medikamenten den dringend gebrauchten Schlaf finden? Warum können wir Fehler nicht zugeben und werden Projekte durchgezogen, von denen wir längst wissen, dass sie nichts bringen?

Die US-amerikanische Sozialpädagogin Prof. Dr. Brené Brown forscht an der University von Austin/Texas über Verletzlichkeit und Empathie. Sie berichtet über zwei Studien von James Mahalik am Boston College, in der über die Konformität von Geschlechterrollen geforscht wurde. "Was brauchen Frauen bzw. Männer (USA), um weiblichen bzw. männlichen Normen zu entsprechen?" Die am meisten genannten Antworten waren bei Frauen: Freundlich, dünn, bescheiden und alle verfügbaren Ressourcen auf Aussehen verwenden. Und bei Männern? Emotionale Kontrolle, Arbeit zuerst, Status und Gewalt (!) würdigen. So weit werden die Normen in Europa sicher nicht davon abweichen.

Brené Brown berichtet in ihren berührenden TED-Vorträgen davon, dass es eine Sache gibt, die uns davon abhält, in Resonanz zu gehen, tragende Verbindungen einzugehen, uns verletzlich zu zeigen, um Hilfe zu bitten: Scham. Wir suchen Sicherheit, wollen kontrollieren und kreieren für unsere Umwelt und letztlich auch für uns eine Illusion unserer selbst, statt zu sein, wie wir sind. Sie plädiert für den Mut, unsere Unvollkommen anzunehmen, Mitgefühl mit sich selbst und anderen zu haben. Während landläufig Verletzlichkeit mit Schwäche verbunden wird, glaubt sie Verletzlichkeit mache sogar schön. Ist es denn nicht so, dass wir für unsere Perfektion respektiert, aber für unsere Unvollkommenheit geliebt werden? Ständiges Scheitern ist doch ohnehin Teil unseres Lebens, warum so tun, als wären wir perfekt? Doch noch immer treibt uns die Scham dazu, uns zu überfordern und zu isolieren. Frauen, indem sie alles und vor allem perfekt machen und sich die Anstrengung nicht ansehen lassen und Männer, die immer stark sind, alles unter Kontrolle haben und Entscheidungen treffen. Wir wollen alles kontrollieren, selbst vor der Liebe machen wir mit unseren Algorithmen nicht mehr Halt.

 

WER SICH DEN HIMMEL VERDIENEN MUSS, LEBT IN DER HÖLLE

sagte dereinst der deutsche Journalist Peter Hahne und meint damit, dass unser Wert als Mensch uns mit unserer Identität gegeben ist und nicht durch Leistung erworben werden kann und muss. Wir verwechseln Identität mit Verhalten. Schuld heißt, einen Fehler gemacht zu haben, Scham hieße dementsprechend ein Fehler zu sein. Wie kann das sein? Scham ist die Angst und unser Kampf um Wert, der doch eigentlich nicht in Frage stehen sollte. Wie können wir den Mut aufbringen, uns mutig in die Arena des Lebens zu stürzen, Blessuren in Kauf zu nehmen, vielleicht mal einem stärkeren, besseren, klügeren zu begegnen, zu verlieren und sich dann den Staub abzuklopfen und in die Arena zurück zu kehren, um dann das nächste Mal der strahlende Sieger zu sein. Vor allem aber empathisch zu sein, dass jeder - vermutlich besonders wenn er sich gerade merkwürdig aufführt - seinen Kampf kämpft. Gütig und großzügig mit sich und anderen zu sein. Vielleicht sind können wir dann auch der zunehmenden Dynamisierung so begegnen, dass sie uns nicht überfordert, krank und einsam macht, sondern Leistung wieder nachhaltig Freude macht. Einen Versuch wäre es wert.